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Die Rettungsarchäologie bewahrt das Moskauer Stadtbild
Ein schonender Umgang mit dem archäologischen Erbe der Stadt ist ein weiteres Charakteristikum Moskaus. Die Zeit, als die Archäologie als „Bremse“ des Bauwesens galt, ist vorbei. Damals hingen archäologische Untersuchungen in Moskau immer von Bauarbeiten ab, wobei die Wissenschaft empfindliche Verluste erlitt. Die Archäologen waren natürlich beim Bau der U-Bahnlinien und bei der Errichtung der Hochhäuser an der Jausa und der Bauwerke auf dem Kalininski Prospekt (heute Nowyj Arbat) als Beobachter zugegen und hielten sorgfältig alles fest, was vor der Baggerschaufel gerettet werden konnte. Die umfangreichsten Ende der 40er- und Anfang der 50-Jahre des 20. Jh. durchgeführten Ausgrabungen waren jene beim Bau des Hotels „Rossija“ im historischen Stadtteil Sarjadje und des Kongresspalasts im Kreml, die die ersten wichtigen Zeugnisse über das frühe Stadtleben lieferten. Früher konnten jedoch die Wissenschaftler, so der Moskauer Stadtarchäologe Alexander Wexler, nicht zuerst ihre Arbeiten vorsichtig und sorgfältig durchführen und erst danach auf das untersuchte Gelände die Bauarbeiter einlassen. Heute haben die Archäologen die Unterstützung der Stadtregierung und somit mehr Möglichkeiten, das zu finden und zu erhalten, was jahrhundertelang unter der Erde verborgen war, und, was ebenfalls sehr wichtig ist, die Funde allen Interessierten zu zeigen.
Beispiel für das neue Verhältnis zur Archäologie ist das Einkaufs- und Businesszentrum Gostinyj Dwor (dt. „Kaufhaus“), bei dessen Restaurierung von Anfang an archäologische Arbeiten durchgeführt wurden, die völlig zu Recht als Rettungsarbeiten bezeichnet werden können. Der Staryj Gostinyj Dwor (dt. „Altes Kaufhaus“) befindet sich im südwestlichen Teil des Stadtteils Kitai-Gorod und umfasst das von der Iljinka-Straße, Warwarka-Straße, Chrustalnyj-Gasse und Rybnyj-Gasse gebildete Rechteck. Die Untersuchungen begannen hier 1995 im Zusammenhang mit der Sanierung des Bauwerks und des Aufschlusses von dessen unterirdischem Bereich. Bevor den Bauarbeitern gestattet wurde, rücksichtslos zu Werke zu gehen, waren alle erforderlichen archäologischen Projektgutachten erledigt. Die Arbeiten wurden vom Zentrum für archäologische Untersuchungen des Staatlichen Denkmalschutzamtes durchgeführt. An ihnen beteiligten sich Studenten der Fakultät für Geschichte der Moskauer Staatlichen Universität für Pädagogik.
Die Archäologen konnten von Beginn der Arbeiten an die mächtigen Schichten analysieren, die dort im Laufe vieler Jahrhunderte entstanden. Sobald bei Erdarbeiten angekohlte Gebeine freigelegt wurden, wurden die Bauarbeiten eingestellt, und die Archäologen nahmen genauere Untersuchungen in Angriff, die von großem Erfolg gekrönt waren.
Die ganze Zeit, in der der Gostinyj Dwor restauriert wurde, war Tag und Nacht ein vielköpfiges Historikerteam im Einsatz. Es arbeitete sogar bei klirrendem Frost, indem es spezielle aufblasbare Hallen benutzte, die gewöhnlich in der Luftfahrt verwendet werden.
Das Ergebnis waren zahlreiche Funde. Unter ihnen befand sich der größte Schatz Russlands aus 95 500 Münzen russischer Prägung. Der Stadtarchäologe Alexander Wexler bestätigt, dass dies mehr ist als der gesamte Bestand der Abteilung für Numismatik für das betreffende Zeitalter des Staatlichen Historischen Museums. Der Schatz enthielt auch europäische Taler. Bei Ausgrabungen im Gostinyj Dwor wurden Gefäße von vorzüglicher Qualität, die in Moskau, London und Hamburg ziseliert worden waren, und in einer vierzehn Meter mächtigen Schicht etwa tausend Gegenstände aus dem 12. bis. 18. Jahrhundert gefunden.
Als die Restaurierung des Gostinyj Dwor abgeschlossen war, richtete die Moskauer Stadtregierung das Museum „Staryj Gostinyj Dwor“ mit einer archäologischen Ausstellung ein. Zum Fundus der Ausstellung zählen Funde, die bei Rettungsgrabungen entdeckt wurden. Nun sind in den Vitrinen des Museums einzigartige Gegenstände der materiellen Kultur der Stadt ausgestellt, die das Leben im Laufe der Jahrhunderte widerspiegeln, darunter auch Artefakte, die älter sind als die Moskauer Chronik.
Zu den Ausstellungsobjekten dieses Museums zählen auch Funde aus Ausgrabungen in den Moskauer Stadtteilen Arbat, Samoskworetschje, Gontscharnaja Sloboda, Rogoschskaja Sloboda, Lefortowo und in den Dörfern Kolomenskoje, Djakowo und Mjakinino im Moskauer Gebiet und einzigartige Funde aus Ausgrabungen auf dem Areal der Ausstellungshalle Manege, die bei deren Wiederaufbau nach dem Brand durchgeführt wurden. Unter ihnen befinden sich Pfeilspitzen, Teile von alten Gewehren und Rüstungen und eine Menge Damenschmuck aus Edelmetallen, Glas und Edelsteinen.
Die Alltagsgegenstände und Gegenstände der materiellen Kultur, die mit der Entstehung Moskaus und der die Stadt umgebenden Dörfer verbunden sind, verdienen die Aufmerksamkeit der Historiker und Archäologen sowie aller, die sich für die Geschichte der Stadt interessieren. Das Museum „Staryj Gostinyj Dwor“ veranstaltet Bildungsprogramme für Kinder. Darüber hinaus ist es eines der wenigen Museen Moskaus mit freiem Eintritt. Es ist nach dem Museum auf dem Manegeplatz (Maneschnaja ploschtschad), auf dem das Zentrum für archäologische Untersuchungen der Stadt Moskau Ausgrabungen durchführte, bereits das zweite archäologische Museum in Moskau.
In zwanzig Tätigkeitsjahren untersuchte die Archäologengruppe rund tausend Denkmäler in Moskau sowie ganze Straßen wie die Iljinka-, Nikolskaja-, Warwarka- und Bolschaja-Nikitskaja-Straße. Die Tätigkeit der Archäologen ist jedoch nicht nur auf das Zentrum von Moskau beschränkt. Zu ihrem Interessensbereich zählen auch die ehemaligen Landsitze Kolomenskoje, Woronzowo und Kusminki sowie alte Dörfer. Die interessantesten Gegenstände wurden bei der Renovierung des Bolschoi-Theaters gefunden. Einer der Funde ist eine feinst gearbeitete knöcherne Schachfigur. Unweit des Theaterplatzes (Teatralnaja ploschtschad) wurde bei der Sanierung des Tretjakowski projesd (A. d. Ü.: kurze Einkaufsstraße mit Luxusboutiquen) eine doppelseitige Ikone gefunden. Eine Seite zeigt eine Darstellung des Schutzpatrons Moskaus – des heiligen Georgi – vom Beginn des 15. Jh., die früheste der bereits bekannten Darstellungen. Bei der Restaurierung des Gebäudes der Mittleren Handelsreihen (Srednije Torgowye Rjady), wo die archäologischen Arbeiten gerade erst anlaufen, wurden bereits Artefakte aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Sie zählen zu den aussichtsreichsten Objekten, wobei ihre Untersuchung völlig unerwartete Ergebnisse liefern kann. Funde gab es auch beim U-Bahnbau im Stadtteil Strogino. Im Stadtteil Mitino wurde vor der Bebauung eine Vielzahl alter Siedlungen und Grabstätten gefunden – 34 archäologische Denkmäler. Es ist geplant, an ihrer Stelle einen geschichtlich-archäologischen Landschaftspark anzulegen.
Das Komitee für Kulturerbe unterbricht stets Bauarbeiten, die ohne Abstimmung mit den Archäologen beginnen. Der Sucharewskaja-Platz (Sucharewskaja ploschtschad), auf dem eine Unterführung gebaut wird, wird von den Wissenschaftlern bereits das dritte Jahr laufend beobachtet. 2005 stießen die Bauarbeiter auf die Granulitfundamente des Sucharewski-Turms, eines in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts abgerissenen Architekturdenkmals des 17. Jh. Die Arbeiten wurden eingestellt. 2008 wurde der Bau der Unterführung unter ständiger Beobachtung durch die Archäologen fortgesetzt. Die Archäologen mussten mehrmals in die Bauarbeiten eingreifen, damit der Bagger nicht einen Stein „zufällig“ erfasste. Die entdeckten Fundamente wurden freigelegt und befestigt, um sie in Zukunft im Museum ausstellen zu können.
2006 beaufsichtigten die Experten beim Bau des Springbrunnens neben der Tretjakow-Galerie in der Lawruschinski-Gasse laufend die Arbeit der Baumaschinen bei der Abtragung der Oberschicht. Sobald die Bauarbeiter die Kulturschicht erreichten, begann die Freilegung, wobei ein Behälter mit Soldatenausrüstung vom Beginn des 18. Jh., der Zeit der Wirren, gefunden wurde.
2007–2008 arbeiteten die Archäologen auf dem Chochlowskaja-Platz. Der Platz ist Teil des Boulevardrings (Bulvarnoje kolzo). Hier verlief die großartigste steinerne Befestigungsmauer der Rus, die von dem Baumeister Fjodor Kon errichtete Weiße Stadt (A. d. Ü.: russ. Bely Gorod; die Weiße Stadt ist ein historischer Bezirk Moskaus außerhalb von Kitai-Gorod und des Kremls. In der Chronik wird jedoch auch ihre Befestigungsmauer selbst als Weiße Stadt bezeichnet.). An dieser Stelle wurde vor Aufnahme der Bauarbeiten die gut erhaltene Mauer der Weißen Stadt gefunden. Die Investoren und Architekten des an dieser Stelle geplanten Baus brachten jedoch der Notwendigkeit der Erhaltung der musealen Rarität Verständnis entgegen und entschieden, die unterirdische Garage so zu bauen, dass die Mauer der Weißen Stadt nicht beschädigt wird. Die 70 m lange und 1,5 m hohe Mauer wird zur Besichtigung freigegeben. 2009 ist die Mauer der Weißen Stadt in der Museumsausstellung „Die Befestigungsmauer der Weißen Stadt des 16. Jh.“ zu sehen.
Das Geschichtserbe muss auch in den ehemaligen Dörfern, die in die Stadt eingemeindet wurden, erhalten werden, wie etwa im Dorf Spas an der Wolokolamskoje Chaussee. Hier befand sich vom 14. Jh. bis zum Beginn des 17. Jh. das Kloster Spas na Wschodnje. Noch früher lag an diesem Ort eine slawische Siedlung, an die die von den Archäologen untersuchten Grabhügel von Spas (Spasskije Kurgany) erinnern. Vorgängerin der slawischen Siedlung war eine alte befestigte Siedlung, in der fast zwei Jahrtausende das Leben blühte. Die ältesten archäologischen Funde sind Spuren einer Grabstätte aus der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Das Dorf Spas ist ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, das Geschichtserbe zu erhalten: Nach Eingliederung eines Teils seines Gebiets 1984 zu Moskau erinnert dessen Aussehen wenig an den geschichtlichen Wert, der ihm zukommt.
2008 gehörten zu den wichtigsten Objekten der archäologischen Forschung die fünfzig Meter vom Gostinyj Dwor entfernten Warmen Handelsreihen (Tjoplyje Torgowyje Rjady). Bei Ausgrabungen auf einer Fläche von mehr als 500 m2 wurden bemerkenswerte Funde gemacht, die Auskunft über das Alltagsleben der Großen Vorstadt (Weliki Possad) geben. Die Große Vorstadt ist eine Vorstadt des Kremls, weshalb jedes Stück Erde interessante Gegenstände in sich bergen konnte. In den Warmen Handelsreihen fanden die Archäologen rund 40 Holzbauten: Hof-, Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Erdgeschosse von Kaufmannshäusern, Brunnen und Palisaden. Das alles schichtete sich im Laufe von Jahrhunderten auf: Die alten Bauten verfielen, an ihrer Stelle wurden andere errichtet, und die Gründungen der ursprünglichen verschwanden in der Erde. Leider kann nicht alles gerettet werden: Das Fundament eines Gebäudes war in einem solchen Zustand, dass es jeden Augenblick einzustürzen drohte.
In den Warmen Handelsreihen häufte sich eine 5 Meter hohe Kulturschicht auf, in der Schmiedeerzeugnisse gefunden wurden: Schlösser, Schlüssel, Messer, Ambosse, Gewehre sowie ein Schatz aus 11 Münzen, von denen jede einen kolossalen Wert für das Studium des Geldverkehrs in der Rus darstellt. Es handelt sich um Münzen, die unter den Fürsten Wassili Dmitriewitsch, Sohn von Dmitri Donskoi, und Wassili Wassiljewitsch dem Blinden geprägt worden waren. Ferner wurden die unterschiedlichsten, mit dem Handel verbundenen Gegenstände gefunden wie z. B. Warenplomben, die von Waren aus Frankreich, Deutschland, Polen und Skandinavien stammen.
Mit jeden neuem Fund erhebt sich die Frage: Wie alt ist Moskau nun? So könnte man Münzfunde zur Schätzung des Alters heranziehen: Unweit des Kremls wurde ein arabischer Schatz aus auf die Jahre 862 und 866 datierten Münzen gefunden. Das reicht jedoch nicht aus, um irgendwelche Schlüsse auf das Alter Moskaus zu ziehen.
In Anlehnung an die positiven Erfahrungen unterstützten der Moskauer Bürgermeister, Juri Michailowitsch Luschkow, und der Chefarchitekt der Stadt die Idee der Archäologen, Ausstellungen an Orten einzurichten, an denen bemerkenswerte, interessante Funde gemacht wurden. Alles Wertvolle, das bei Ausgrabungen gefunden wird, wird auf jeden Fall erhalten und in Museen ausgestellt. Die neuen Funde benötigen jedoch immer mehr Platz. Daher wird für das Museum der Stadt Moskau ein großer Raum in den Proviantlagern (Provianstkije sklady) vorbereitet, wobei dieses architektonische Ensemble selbst ein Kulturerbe der Stadt ist.
Der Stadtarchäologe Alexander Wexler geht davon aus, dass mit der Zeit auch eine Ausstellung beim Wassiljewski-Spusk-Platz, wo einst der Alewis-Graben (A. d. Ü.: russ. Alewisow row; Wassergraben an der Kremlmauer entlang des Roten Platzes. Der künstliche Graben, benannt nach Aloisio dem Neuen, dem Architekten, der ihn erschuf, war Teil der Befestigungsanlagen des Kremls) verlief, eingerichtet werden kann, trotz der Schwierigkeiten, die darauf zurückzuführen sind, dass die Untersuchung dieses Ortes das Aussehen des Roten Platzes und des Wassiljewski-Spusk-Platzes verändern könnte.
Geplant ist die archäologische Untersuchung des Nikolaus-Klosters, eines der ältesten Bauwerke Moskaus. Die Hoffnungen des Moskauer Stadtarchäologen knüpfen sich auch noch an die Ismailowo-Insel: Nach Entscheidung der Vermögensstreitigkeiten mit den Pächtern dieses einzigartigen Ortes beabsichtigt er, dort Ausgrabungen an der Stelle des Palastes von Zar Alexej Michailowitsch durchzuführen. Die Funde sollen im Museum ausgestellt werden.
Die europäischen Länder behandeln ihre archäologischen Denkmäler gemäß dem Europäischen Übereinkommen zum Schutz des archäologischen Erbes aus dem Jahr 1992. Nach diesem Übereinkommen muss jede Vertragspartei für eine systematische Konsultation zwischen Archäologen, Städteplanern und Raumplanern Sorge tragen, damit Erschließungspläne, die sich auf das archäologische Erbe wahrscheinlich negativ auswirken, geändert werden können und damit genügend Zeit für eine wissenschaftliche Untersuchung der Stätten zur Verfügung gestellt werden kann. Diese Fassung des Übereinkommens ist auch von der Russischen Föderation unterzeichnet, jedoch noch nicht ratifiziert.
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