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Russlands berühmte Kattune

Russlands berühmte Kattune

Das Russische Museum für dekorative, angewandte und Volkskunst (Moskau) hat zu seinem 125. Jahrestag die Ausstellung “Kattunenes Russland” vorbereitet. Sie veranschaulicht die Entwicklung der Produktion von bedrucktem Kattun und der eigenartigen Textildruckmuster in Russland, die in hohem Grad den Erfolg des russischen Druckgewebes im Ausland bedingten.

Der Autor des künstlerischen Projektes Boris Messerer, Volkskünstler Russlands, hat bei der Gestaltung der Wände die Patchwork-Technik angewandt. Eine kolossale “Patchworkdecke” aus den Kattunstoffen von Schuja (Gebiet Iwanowo) bildet den Hintergrund für die ausgestellten Gewebe, Entwürfe, Kopf- und sonstige Tücher, Volkstrachten u. a. m.

Der Ausstellungsraum besteht aus zwei Teilen. Der eine präsentiert die Textilkunst aus dem 17. — 20. Jahrhundert, der andere die Agitationstextilien aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Gleich die ersten Ausstellungsstände zeigen seltene Exponate aus altertümlichem Leinen. Man glaubt nur schwer, dass es sich um ein Gewebe aus dem 17. Jahrhundert handelt. Die ornamentalen Muster auf einem solchen Leinen sind in der Hauptsache einfarbig und sehr lakonisch, sie wirken sehr dezent, ja elegant. Das Auftragen eines solchen Musters war Handarbeit. Im 18. Jahrhundert entstanden in Russland bereits die ersten Kattundruckereien, das manuelle Musterauftragen wurde durch manuelles und dann auch mechanisches Bedrucken abgelöst.

In der Ausstellung sind zahlreiche Kattune und Kattuntücher zu sehen, die aus der Zeit von Ende des 17. bis zum 19. Jahrhundert stammen. Damals überwogen Blumenmuster oder dekorative Pflanzenornamente. Man braucht einige wenige Minuten, um bereits beim bloßen Anblicken das eine oder andere Ausstellungsstück zu datieren. Da ist ein Kopftuch mit einem deutlichen, beinahe idealen Muster, sicherlich mechanischer Druck, also stammt es vom Ende des 19. oder dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Und da fallen die Farben mit den im voraus aufgetragenen Musterkonturen oder die Grenzen eines sich wiederholenden Großmusters nicht mit der aufgetragenen Farbe zusammen. All das sind deutliche Zeichen der Zeit: eindeutig manuelle Arbeit von Ende des 17. oder ein Erzeugnis aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein solcher Druck mag jemandem nicht ideal vorkommen, aber eher denkt man hierbei an etwas anderes: an jene kaum sichtbare Unvollkommenheit, die handgemachte Arbeiten so echt und lebendig erscheinen lässt.

In der Ausstellung kann man auch Druckbretter mit verschiedenen verschnörkelten Mustern sehen. Die ältesten der Bretter sind reines Holz. Später kamen auch Metalleinsätze hinzu, die einen sehr feinen und komplizierten Dekor ermöglichten.

In einem Extra-Saal für sich sind thematische Kattuntücher ausgebreitet, die historischen Daten oder Ereignissen gewidmet sind, so dem 100. Jahrestag des Russisch-Französischen Kriegs von 1812, einem Jahrestag des Alpenmarsches von General Alexander Suworow, eine ganze Serie von Tüchern, die anlässlich des 300. Jahrestags der Romanow-Dynastie hergestellt wurden. Direkt verblüffend ist ein Tuch, das, um es in der heutigen Sprache auszudrücken, einen Comic darstellt, der das Leben und die ruhmlose Herrschaft des Falschen Demetrius in Russland (Beginn des 17. Jahrhunderts) schildert. In der Mitte ist das Bildnis des “Haupthelden” mit der lakonischen Beschriftung “Usurpator” zu sehen, kleinere Bilder um das Porträt sind Szenen aus seinem Leben mit beredten Kommentaren: “Grischka — Bediensteter eines Fürsten”, “Der Usurpator wechselt den Glauben”, “Grischka als angeblicher Kranker in Polen”.

Der zweite Teil der Exposition präsentiert Agitationstextilien aus den 20er bis 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Hier ist ein grundsätzlich neues Herangehen an die künstlerische Gestaltung der Gewebe zu sehen. Verbunden war das mit der Suche der Künstler nach neuen stilistischen Ausdrucksmitteln. Da sieht man Gewebe mit einem Ornament aus Hammern und Sicheln, aus Traktoren, Zahnrädern, Fragmenten von Wasserkraftwerken. Aus den Bezeichnungen der Kattunerzeugnisse ist sofort klar, welches Muster es schmückt: “Kollektivierung”, “Kolchosgärten”, “Luftfahrt”, “15 Jahre RKKA” (Rote Arbeiter- und Bauernarmee), “Elektrifizierung”, “Industrielles Motiv”, “Frühjahrsaussaat”, “Isolatoren” und “Likbes” (Abkürzung für “Liquidierung des Analphabetentums”). Auffallend ist ein Gewebe mit einem für die revolutionäre Zeit ungewöhnlichen Blumenmuster. Doch bei näherer Betrachtung erweist es sich, dass es sich nicht um Blumen handelt, sondern um Figuren von Militärangehörigen: “Rotarmisten beim Einbringen der Baumwollernte”.

In der “Periode des Aufbaus der Grundlagen des Sozialismus” tendierten die üblichen Tücher ebenfalls zur Agitation. Ein Beispiel wäre ein “Tuch, gewidmet dem 5. Jahrestag der bolschewistischen Revolution” aus dem Jahr 1922. An den Ecken des traditionellen Vierecks sind Marx, Engels und Lenin abgebildet. Die vierte Ecke des Tuchs war jedoch Ende der 20er Jahre aus ideologischen Erwägungen herausgeschnitten. So naiv und einfach wollte man sich jeder Darstellung oder Erwähnung Lew Trotzkis entledigen.

Die Ausstellung ist insofern besonders interessant, als hier erstmalig in einem solchen Umfang selten ausgestellte Erzeugnisse demonstriert werden: russische bedruckte Gewebe aus mehr als drei Jahrhunderten, Skizzen von Zeichnungen für Gewebe, Druckbretter sowie Kostüme aus dem 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. An der Zusammenstellung der Exponate arbeiteten mehrere Einrichtungen zusammen: das Russische Museum für dekorative, angewandte und Volkskunst, das Staatliche D. Burylin-Heimatkundemuseum von Iwanowo, das Polytechnische Museum, die Gesellschaft “Kattune von Schuja” und Russlands älteste Kattundruckerei “Trjochgornaja Manufaktura” (Moskau).

Die Ausstellung “Kattunenes Russland” bleibt bis zum 25. September geöffnet. Dann geht sie auf Auslandsreisen: im November nach Frankreich, im April 2011 nach Spanien, dann nach Italien, Großbritannien und in die USA. 2014 soll die Exposition zur Zeit der Winterolympiade nach Sotschi verlegt werden.

*Unter Verwendung von Materialien des Museums