Wenn eine Übersicht über moderne Fotokunst erstellt werden soll, bieten die Arbeiten der 15 bedeutendsten modernen Künstler, die von fünf in der Welt der zeitgenössischen Kunst geschätzten Künstlern und Kuratoren ausgewählt wurden, diese Möglichkeit. Die Moskauer und die Gäste der Hauptstadt können diese Arbeiten, die von Tom Eccles, Liam Gillick, Hans Ulrich Obrist, Philippe Parreno und Beatrix Ruf ausgesucht wurden, im Zentrum für zeitgenössische Kultur Garage auf der internationalen Fotoausstellung Wie bald ist jetzt (How Soon is Now) sehen.
Die Ausstellung ist zur Präsentation von Arbeiten gedacht, die 2010 für die beiden führenden internationalen Preise im Bereich der Fotografie The Discovery Award und LUMA Award nominiert wurden. Hier reiht sich nicht Foto an Foto ohne künstlerischen Sinn und ohne irgendeine Geschichte oder Idee. Darüber hinaus verwenden die auf der Ausstellung präsentierten Künstler die Fotografie frei als Element von Collagen, Installationen, Skulpturen oder Übertragung als Video.
Unkindliche Bilder von P. Fischli und D. Weiss
Daher kann man von der Ausstellung weniger ein ästhetisches Erlebnis erwarten, sondern man erwirbt vielmehr anderes Lebenswichtiges: etwas neu zu betrachten, eine andere Sicht der Alltäglichkeit, einen Sinn dort zu finden, wo man früher keinen suchte.
Um den Betrachter aus dem Konzept zu bringen, bedient sich Roe Ethridge aller ihm zur Verfügung stehenden Genres der Fotographie und das ist nicht wenig: Mode, Werbung, Landschaft, Dokumentarfilme und Porträts. Was befindet sich vor dem Betrachter: eine kommerzielle Hochglanzreklame, eine Satire oder ein realistisches Bild? Roe Ethridge spielt mit dem Betrachter: Wo verläuft die kaum merkliche Grenze zwischen kommerzieller Fotografie und Kunst?
Im Hans-Peter-Feldmann-Saal
Auch bei Peter Fischli und David Weiss zeigt sich ein Hang, den Betrachter einerseits zu belächeln und andererseits ihm auch geistige Nahrung zu liefern: Wie sehr kann sich Banalität in etwas anderes verwandeln, wenn man die Ansicht über sie ändert. Sie machten etwa 400 Aufnahmen in Vergnügungsparks und druckten sie monochrom mit einer deutlichen Tendenz, sie zu verdunkeln. Man kann nicht gleich beim ersten Mal alle diese Feen, Gnome und Gespenster erkennen: Wenn die Vergnügungsparks vorher auch jemandem wie ein Ort aus einem Schauerroman erschienen sind, verleiht die monochrome Düsterkeit diesen Bildern einen geisterhaften Charakter.
The Innocents von Taryn Simon
Die zeitgenössische Kunst herrscht mit einer Art Magie: Die Künstler zeigen nicht nur ein Bild oder erzählen eine Geschichte, sondern erzielen, indem sie dem Betrachter etwas auf den ersten Blick sehr Einfaches vorlegen, die überraschendsten Reaktionen auf dieses Einfache. Was kann einfacher sein als hundert von Hans-Peter Feldmann gemachte Aufnahmen, von denen jede einen Freund oder Verwandten von ihm zeigt? Dieser berühmte und einflussreiche Künstler, der die alltägliche Fotografie poetisiert, nahm diese Leute drei Jahre lang auf, so dass jeder von ihnen um ein Jahr älter (oder um ein Jahr jünger) als der andere war. Auf diese Weise entstand eine Fotogalerie: Auf der Ausstellung beginnt sie mit einer hundertjährigen Dame, die Würde und Ruhe ausstrahlt, und nach einigen Generationen endet sie (oder fängt sie an?) mit einem acht Monate alten Baby. Alle Leidenschaften, Enttäuschungen, Geheimnisse und Hoffnungen des menschlichen Lebens ändern sich in den Gesichtern von Feldmanns Verwandten und Familienangehörigen, gleich einem laufenden Film aus hunderten von Handlungen.
Leigh Ledare. Autor des Projekts Double Bind (2010)
Die Künstlerin Taryn Simon, die der Direktor ihrer internationalen Projekte, der Kurator Hans Ulrich Obrist, vorstellt, zeigt nicht nur Kunstfotos, sondern auch eine psychologische Studie. Die Arbeitsserie The Innocents (dt. Die Unschuldigen) ist eine Geschichte über unschuldig Verurteilte. Klare deutliche Bilder der Verbrecher und der Tatorte: Larry Mayes versteckte sich hier unter der Matratze, wo ihn auch die Polizei fand (Mayes verbüßte achtzehneinhalb Jahre von der verhängten 80-jährigen Haftstrafe wegen Vergewaltigung, Raubes und rechtswidrigen abweichenden Verhaltens). Nicht besser ist die Lage der anderen Helden ihrer Geschichten: Sie wurden von Zeugen gesehen, deren Aussagen über jeden Zweifel erhaben waren, weil die Gesellschaft gewohnt ist, dem menschlichen Gedächtnis und Fotos zu vertrauen. Wenn man weiß, dass diese Menschen sich als unschuldig erwiesen, wie kann man sich noch irgendeiner Sache sicher sein? Und wenn man nicht weiß, dass die entsetzlichen Verbrechen, wegen derer sie verurteilt wurden, nicht sie begangen hatten, würde man diesen Widerspruch nicht erkennen: Vor uns wären farbenprächtige Porträts abscheulicher Verbrecher.
Projekt Double Bind (2010)
Leigh Ledare studierte mit der gleichen Tiefe ein alltägliches menschliches Drama die Scheidung. Er fotografierte drei Tage seine ehemalige Gattin im Landhaus. Danach fotografierte sie ihr jetziger Gatte, der Fotograf Adam Fedderly. Ledare entwickelte den Film und zeigte dem Betrachter eine schonungslose und offene Analyse zweier Intimitäten: Seine Geschichte platzierte er als Symbol der Vergangenheit auf schwarzen Hintergrund, die Geschichte Fedderlys auf weißen und ergänzte sie mit Collagen aus Zeitungsausschnitten und sonstigem Material, mitunter provokativen Charakters. Welche intimen Augenblicke die Fotos auch festhalten und wem immer sie auch gehören mögen, der Betrachter verliert sich, wenn provokative Elemente seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und der Unterschied zwischen Schwarz und Weiß ist nicht mehr so offensichtlich...
Wie provokativ die zeitgenössische Kunst auch immer sein mag, hat sie nach wie vor ein Ziel: im Menschen all das Beste zu wecken, das tief in seiner Seele verborgen ist.